Orientteppich


Orientteppich
Ori|ent|tep|pich, der:
handgeknüpfter Teppich aus Wolle mit türkischen od. persischen Mustern.

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Ori|ent|teppich,
 
Bezeichnung für handgearbeitete Teppiche aus der Türkei, aus Iran, Ägypten, Afghanistan, dem Kaukasus, Turkestan, Pakistan, Indien, Zentralchina und Tibet. Ihre Benennungen werden meist abgeleitet von Städten, Provinzen, Volksstämmen. Bei einigen Gruppen von klassischen Orientteppichen (vor 1800) erfolgt durch Beinamen eine Klassifizierung (z. B. Holbein-, Lotto-, Ranken-, Medaillon-, Jagd-, Tier-, Gebets-, Gartenteppich). Bei Teppichen nach 1800 kommen Namen von Nomadenstämmen (z. B. Belutschen, Kaschkai) und von Sammel- und Umschlagplätzen (z. B. Buchara) hinzu.
 
 
Zur Herstellung der Orientteppiche verwendet man Schafwolle, Baumwolle und Seide, selten Kamel- und Ziegenhaar. Bei der Knüpftechnik, in der die Orientteppiche hauptsächlich gearbeitet sind, werden über die gesamte Breite der auf einem Vertikal- oder Horizontalwebstuhl aufgespannten Kette aus Wolle oder Baumwolle (Teppichbreite) Knotenreihen eingeknüpft. Über je zwei nebeneinander liegende Kettfäden wird ein kurzer Fadenabschnitt im Flormaterial gelegt, dessen Enden hinter die Kettfäden geführt und wieder nach vorne gezogen werden. Nach jeder Knotenreihe werden ein oder zwei Schussreihen eingetragen, die dem Gewebe Halt geben. Das Teppichmuster entsteht durch die Farbwahl für jeden Knoten in dem vorderseitigen Flor, der nach der Fertigstellung auf einheitliche Höhe geschoren wird. Man unterscheidet den türkischen Ghordesknoten und den persischen Sennehknoten.
 
Kelim, Sumakh und Verneh bezeichnen als Flachgewebe hergestellte Orientteppiche ohne Flor. Beim Kelim werden die musterbildenden Schüsse in Wirktechnik (Bildwirkerei), beim Sumakh Schlingen bildend in die Kette eingetragen.
 
Alter, Färbung, Materialien und Originalität des Musters sind Qualitätsmerkmale eines Orientteppichs. Seit den 1880er-Jahren haben synthetische Farben die bis dahin verwendeten Naturfarben zunehmend verdrängt.
 
 
 
Anatolische Teppiche des 13. Jahrhunderts beherbergte die Alaêddin-Moschee von Konya (heute Istanbul, Museum für türkische und islamische Kunst). Aus frühosmanischer Zeit sind eine beachtliche Zahl von Teppichen erhalten. Produktionszentrum war die westanatolische Stadt Uşak (Medaillon- und Stern-Uşaks). Dort wurden auch Gebetsteppiche geknüpft, deren Zeichnung den Mihrab nachahmt. Neben großen Formaten für Moscheen und Paläste entstanden kleinformatige Nomadenteppiche mit geometrischen Mustern in lebhaften Farben. - Provenienzen: u. a. Bergama, Bursa, Hereke, Konya, Ladik, Milas, Mucur, Smyrna, Uşak.
 
 
Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts geben persische Miniaturen eine Vorstellung zeitgenössischer Knüpfteppiche. Der persische Medaillonteppich entstand im frühen 16. Jahrhundert zu Beginn der Safawidenherrschaft. Zahlreiche Beispiele einer hoch entwickelten gewerblichen Knüpfkunst sind überliefert, darunter der Ardebilteppich (1539/40; London, Victoria and Albert Museum), der Mailänder Jagdteppich (1542; Mailand, Museo Poldi Pezzoli) und der seidene Jagdteppich (16. Jahrhundert; Wien, Museum für angewandte Kunst). Neben Medaillonteppichen entstanden Ranken-, Kartuschen-, Vasen- und Baumteppiche. Der Sturz der Safawiden zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das Ende der Hofmanufakturen. Im 19. Jahrhundert lebte die persische Produktion wieder auf, u. a. mit den beliebten Herati- und Botehmustern. - Provenienzen: u. a. Afschar, Ardebil, Bachtaran, Bidjar, Fareghan, Kaschkai, Ghoum (Kum), Hamadan, İsfahan, Jesd (Yazd), Kaschan, Kerman, Mahal, Meschhed, Saruk, Senneh, Serabent, Schiras, Täbris.
 
 
Im nördlichen Teil des persischen Reiches wurden die »Drachenteppiche« hergestellt. Abstrahierte Drachen und andere Tiere gaben ihnen den Namen. Neben wenigen Arbeiten aus dem 17. Jahrhundert stammt die Mehrzahl aus dem 18. Jahrhundert und entstand im Bereich Schirwan/Karabach. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich großflächige geometrische Muster in lebhaftem Kolorit. Sie sind in türkischen Knoten gearbeitet. - Provenienzen: u. a. Derbent, Kasak, Schirwan, Seichur, Talisch.
 
In Westturkestan von turkmenischen Nomadenstämmen gefertigte Orientteppiche wurden lange Zeit über Buchara gehandelt. Ihr Hauptmotiv ist der Gül, ein achteckiges oder rautenförmiges Ornament, wohl ein Stammeszeichen mit heraldischer Funktion. Seine Ausführung und Anordnung auf rotem Grund hilft bei der Herkunftsbestimmung. Die wichtigsten Stämme sind die Tekke, Tschauduren, Beschir, Salor, Saryk. Auch in Afghanistan werden von turkmenischen Nomaden Teppiche gefertigt (Afghan).
 
 
und Pakistan: Zur Zeit der Mogulherrscher (16./17. Jahrhundert) entstanden in den nordindischen Städten Agra, Lahore und Jaipur Teppiche mit persischem Einfluss, der selbst bei der Verwendung indischer Motive, wie mythologischer Tierbilder oder Darstellungen aus der Miniaturmalerei, deutlich wird. Während der britischen Kolonialzeit verloren indische Teppiche an Bedeutung. Heute werden in indischen und pakistanischen Manufakturen Kopien nahezu aller Orientteppiche hergestellt (z. B. Indo-Mir).
 
Ägypten:
 
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte sich hier der Mameluckenteppich: Kaleidoskopartig umgibt ein dichtes Gefüge von Sternen, Rosetten, Acht-, Drei- und Vierecken einen großen Stern im Zentrum. In den Bordüren wechseln Rosetten mit Kartuschen ab. Nach der osmanischen Eroberung Kairos 1517 verschwand dieser Typus, und an seine Stelle traten Teppiche mit floralem Dekor.
 
 
Die Muster der Chinateppiche sind nach chinesischen Dekorationselementen gearbeitet. Häufig bleibt das Mittelfeld mit Drachen- und Blumenmotiven in den Ecken ohne Bordüren. Typisch ist das reliefartige Nachschneiden der Ornamente. Wann in China die ersten Teppiche geknüpft wurden, ist unbekannt. Der älteste erhaltene Teppich stammt aus dem 17. Jahrhundert, der Mingzeit. - Provenienzen: u. a. Peking, Tientsin, Baotou, Ningxia, Gansu.
 
 
Der älteste erhaltene Knüpfteppich wurde 1949 in Pasyryk im Altaigebirge in einem Skythengrab gefunden (Sankt Petersburg, Eremitage). Er wird ins 5. Jahrhundert v. Chr. datiert; seine hoch entwickelte Knüpfung lässt vermuten, dass die Knüpftechnik wenigstens 3 000 Jahre alt ist. Politische und wirtschaftliche Kontakte zwischen Asien und Europa hatten zur Folge, dass Orientteppiche vereinzelt schon früh nach Europa kamen (Knüpfteppiche aus China zur Römerzeit). Spätestens mit dem Vordringen des Islam gelangten Orientteppiche nach Spanien, das selbst zu einem wichtigen Produzenten für Knüpfteppiche wurde. Kreuzfahrer brachten vom Ende des 11. Jahrhunderts an Orientteppiche nach Europa. 1277 unterscheidet eine Pariser Handwerkerliste zwischen orientalischen »tapiciers sarrazinois« und einheimischen »tapiciers nostrez«. Im 14. Jahrhundert boten türkische Händler ihre Teppiche in Brügge zum Verkauf. Kunden waren Kirche, Adel, wohlhabendes Bürgertum. Die Beliebtheit der Orientteppiche führte schon im 16. Jahrhundert, zuerst in England und Frankreich, zu europäischen Nachbildungen. Oft zeichneten Orientteppiche auf Gemälden des 14.-16. Jahrhunderts Heilige und Fürsten aus. Die u. a. von H. Holbein dem Jüngeren und L. Lotto als Fuß- oder Tischteppiche wiedergegebenen Exemplare mit türkischen Mustern erhielten die Bezeichnung »Holbeinteppich« und »Lottoteppich«. Im 17./18. Jahrhundert gehörten Orientteppiche zur Ausstattung von Schlössern. Mit der Verbesserung der Handelswege verbreitete sich der Orientteppich im 19. Jahrhundert immer mehr und wurde Sammlerobjekt von Privatleuten und Museen.
 
Seit den 1920er-Jahren werden Orientteppiche in westlichen Industrieländern maschinell nachgeahmt (Bányai-Knüpfmaschine). Neue handgeknüpfte Orientteppiche entstehen v. a. in Indien, Pakistan, Nepal, Tibet, Rumänien, Bulgarien, wo eine Vielzahl von Teppichgattungen ungeachtet ihrer ursprünglichen Provenienzen nachempfunden werden.
 
 
K. Erdmann: Europa u. der O. (1962);
 K. Erdmann: Der oriental. Knüpfteppich (41975);
 E. Wirth: Der O. u. Europa (1976);
 F. Spuhler u. a.: Alte O. (1978);
 K. Zipper: Lex. des O. (21981);
 J. P. R. Ford: Der O. u. seine Muster. Die Bestimmung oriental. Knüpfteppiche anhand ihrer Muster, Symbole u. Qualitätsmerkmale (a. d. Engl., 1982);
 
The eastern carpet in the western world from the 15th to the 17th century, hg. v. D. King (London 1983);
 
Alte O., hg. v. M. Volkmann (1985);
 W. von Bode u. E. Kühnel: Vorderasiat. Knüpfteppiche aus alter Zeit (51985);
 H.-G. Schwarz: Orient - Okzident. Der oriental. Teppich in der westl. Lit., Ästhetik u. Kunst (1990);
 J. Thompson: Orientteppiche. Aus den Zelten, Häusern u. Werkstätten Asiens. (a. d. Engl., 1990);
 J. Iten-Maritz: Enzykl. des O. (41991);
 E. Sakhai: Die Gesch. des O. (1994);
 
O.e. Anatolien, Kaukasien, Persien, Tibet u. andere Länder, bearb. v. U. Jourdan (1997).
 
Zeitschrift: Hali. The international journal of oriental carpets and textiles (London 1978 ff.).

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Ori|ent|tep|pich, der: handgeknüpfter Teppich aus Wolle mit türkischen od. persischen Mustern.

Universal-Lexikon. 2012.

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